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Neolithisierung Europas
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Als Neolithisierung Europas (von altgriechisch ÎœÎ­ÎżÏ‚ neos „neu, jung“ und Î»ÎŻÎžÎżÏ‚ lithos „Stein“) wird der kulturelle Wandel von mittelsteinzeitlichen Wildbeutergesellschaften zu Kulturen jungsteinzeitlicher (neolithischer) Nahrungsmittelproduzenten innerhalb Europas bezeichnet. Neben Pflanzenbau und/oder Tierhaltung sind damit (insbesondere beim Ackerbau) lĂ€ngere ZeitrĂ€ume einer sesshaften Lebensweise – die zahlreiche VerĂ€nderungen der sozialen Bedingungen (etwa Arbeitsteilung, Soziale Rollen, Institutionsbildung, Herrschaftsstrukturen u. Ă€.) mit sich brachte –, die Entwicklung neuer Technologien (Werkzeuge, Baustoffe, GebĂ€ude, Keramik, Vorratshaltung, Konservierung u. Ă€.) und die Entstehung neuer Ideen und Weltanschauungen (langfristige Planung, verĂ€nderte Zeitrechnung, Kult, Religion u. Ă€.) verbunden. In der Folge war meist ein deutlicher Anstieg des Bevölkerungswachstums zu verzeichnen – aber spĂ€ter ebenso drastische EinbrĂŒche und Hungersnöte.

Nach derzeitigem Kenntnisstand kam es unabhÀngig voneinander in 15 bis 20 Regionen der Erde zwischen 9500 v. Chr. (Vorderasien erstmals) und 2000 v. Chr. (Ohio-Becken letztmals) zur Entstehung landwirtschaftlicher Subsistenzweisen.

Die neue Lebensweise wurde in Europa ab 7300 v. Chr. von Migranten aus dem fruchtbaren Halbmond Vorderasiens importiert, wo sie sich erstmals auf der Erde innerhalb von rund 1500 Jahren als sogenannte „Neolithische Revolution“ etablierte. In annĂ€hernd 4000 Jahren breitete sie sich in SchĂŒben und auf unterschiedliche Art und Weise ĂŒber die gesamte kĂŒhlgemĂ€ĂŸigte Zone Europas auscite-ref-ao-1-0[1] (Ackerbau und Viehzucht in der Ökumene, in der Subökumene Fernweidewirtschaft).

Contents

‱ Literatur
‱ Weblinks

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Ursachen der Neolithischen Revolution

Der Übergang zur Landwirtschaft fand an verschiedenen Stellen der Welt statt, ist jedoch erklĂ€rungsbedĂŒrftig: Der Arbeitsaufwand, der mit einer bĂ€uerlichen Lebensweise verbunden ist, ist betrĂ€chtlich und deutlich grĂ¶ĂŸer als bei Wildbeutern. Sicherheitsgewinne durch Vorratshaltung mĂŒssen mit negativen Folgen aufgerechnet werden: Zoonosen fĂŒhrten bspw. zu Seuchen, die den Wilbeutern noch unbekannt waren. Daher stellt sich die Frage, warum Menschen dennoch zur Landwirtschaft wechselten. Auch indianische Kulturen Nordamerikas sahen in der Lebensweise der einwandernden europĂ€ischen Bauern nach der Entdeckung Amerikas dementsprechend wenig Erstrebenswertes und ĂŒbernahmen sie nicht freiwillig. Dennoch setzte sich die Landwirtschaft weltweit durch, vormalige Wildbeuter mĂŒssen sich irgendwann fĂŒr sie entschieden haben oder an sie gebunden worden sein.

Viele Autoren sehen die drastischen KlimaverĂ€nderungen am Ende der letzten Eiszeit als Auslöser fĂŒr den Beginn von Ackerbau und Viehzucht im Vorderen Orient (Fruchtbarer Halbmond). Demnach kam es dort wĂ€hrend des milden Alleröd-Interstadials zu gĂŒnstigen Umweltbedingungen: RegenfĂ€lle nahmen zu, die Gazellenherden vermehrten sich stark in den ĂŒppig gedeihenden Graslandschaften und in der Folge auch die menschliche Bevölkerung. Aufgrund des permanent ausreichenden Nahrungsangebotes waren die JĂ€ger und Sammler nicht mehr gezwungen, regelmĂ€ĂŸig ihren Wohnsitz zu wechseln, sodass einige Gruppen zur Sesshaftigkeit wechselten. Das Vorkommen wilder und körnertragender GrĂ€ser bot die Möglichkeit, die ErnĂ€hrung zu ergĂ€nzen, erste Reibsteine und Mörser sind nachgewiesen. Ob dann ein kĂ€lter werdendes Klima die sesshaft Gewordenen dazu bewegte, ihre Lebensweise vollends umzustellen oder die Entwicklung des Getreideanbaus alleine dazu reichte, ist unklar. Demographisch ließ sich der eingeschlagene Weg aber bereits nach kurzer Zeit nicht mehr umkehren. Zwar fĂŒhrte die Entdeckung der Landwirtschaft zu mehr Krankheiten, schlechterer ErnĂ€hrung und höherer Kindersterblichkeit, aber insgesamt stieg die Bevölkerungszahl, da die kohlenhydratreiche Kost Frauen ermöglichte, schneller wieder schwanger zu werden. WĂ€hrend Wildbeuterfrauen wohl nur alle vier bis fĂŒnf Jahre schwanger wurden, konnten (und mussten) BĂ€uerinnen bereits kurz nach der Geburt wieder fruchtbar sein. Die Bevölkerungszunahme fĂŒhrte dann zur Ausbreitung der Landwirtschaft durch Auswanderung in andere Regionen.cite-ref-2[2] Ob die Kindersterblichkeit bei den ersten Bauern tatsĂ€chlich höher war, ist unklar. Denn zwar waren die meisten Erwachsenen damals laktoseintolerant, konnten also keine unbearbeitete tierische Milch verdauen. Kleinkinder allerdings konnten es und das könnte dazu gefĂŒhrt haben, dass ihnen eine DiĂ€t, die Milch domestizierter Tiere beinhaltete, erhöhte Überlebenschancen einbrachte.cite-ref-3[3] Generell haben agrarische Gesellschaften einen großen Bedarf an ArbeitskrĂ€ften, weswegen ein Interesse an einer hohen Kinderzahl besteht.cite-ref-4[4]

Ursprung und Ausbreitung nach Europa

Wurzeln der Neolithisierung und Nebeneinander von Wildbeutern und Bauern

Die Wurzeln der Neolithisierung Europas liegen im Fruchtbaren Halbmond und werden heute auf die Migration anatolischer Bauern zurĂŒckgefĂŒhrt, die ihre domestizierten Nutztiere (Rind, Schaf, Ziege, Schwein) und -pflanzen (Einkorn, Emmer, Gerste) sowie das entsprechende Know-how mitbrachten.cite-ref-aw-5-0[5]

Über die Motive der Auswanderer kann nur spekuliert werden. Fest steht, dass es sich nicht – wie lange Zeit angenommen – um Bevölkerungsdruck aufgrund der zunehmenden Besiedlungsdichte handelte.cite-ref-diezemann-6-0[6] Die Ursachen können sehr vielseitig sein: „ErnĂ€hrungsprobleme, Raub, Gier, religiöse Motive“ kĂ€men in Fragecite-ref-7[7]. Auch klimatische GrĂŒnde sind denkbar.cite-ref-diezemann-6-1[6]

Graeber und Wengrow gehen davon aus, dass die arbeitsaufwĂ€ndige Landwirtschaft in ihren Ursprungsformen nicht existentiell (d. h. hauptsĂ€chlich) betrieben wurde, sondern dass fĂŒr lange Zeit und in vielen Gesellschaften „spielerische Landwirtschaft“ als eine Option neben anderen Subsistenzweisen verstanden wurde. Vielmehr sei das primĂ€r bĂ€uerliche Dasein zu Anfang eine Überlebensstrategie fĂŒr entlegene und unzugĂ€ngliche Regionen gewesen, die fĂŒr JĂ€ger, Sammler und Fischer zu unattraktiv waren. Diese JĂ€ger und Sammler hĂ€tten zuvor schon eine Art „Landschaftspflege“ betrieben, indem sie erwĂŒnschten fruchttragenden Pflanzen wie NussbĂ€umen gĂŒnstige Bedingungen schufen. Ihre AktivitĂ€ten trugen dazu bei, „weltweit etwa zwei Drittel der Großfauna zu vernichten“, ihre Jagd verschob sich dann auf kleinere SĂ€ugetiere wie Elche, Schweine, Rotwild etc. in begrenzten Habitaten.cite-ref-anf-nge-8-0[8] Die folgende Neolithisierung beruhte auf der Migration von „neolithischen Pionieren“ sowohl auf Land- wie auf Seerouten, die in vielfĂ€ltige Austauschbeziehungen mit JĂ€gern und Sammlern traten und dabei Innovationen wie die „vier Haustierarten, also Rind, Schaf, Ziege, Schwein“ und technologische Kenntnisse „etwa zur Herstellung von SteingerĂ€ten“ mitbrachtencite-ref-aw-5-1[5] und die gut belegte Ausbreitung auf dem europĂ€ischen Kontinent beweist, dass sich die bĂ€uerliche Nahrungsmittelproduktion trotz Aufwand und Risiken im Laufe von Generationen durchsetzte.

Dies allerdings nicht kontinuierlich: TatsĂ€chlich verschwand die Landwirtschaft zeitweise regional auch wieder, archĂ€ologischen Erkenntnissen zufolge unter Anzeichen eines demographischen Zusammenbruches der Kultur der Bandkeramiker und exzessiver Gewalt, die sich in regelrechten Massakern (z. B. Massaker von KilianstĂ€dten) ausdrĂŒckte. Der Zusammenbruch fĂŒhrte fĂŒr etwa tausend Jahre zu einem Abbruch des „extensiven Getreideanbau(s)“ in Mittel- und Nordeuropacite-ref-9[9]. Zwei wichtige UmstĂ€nde wurden frĂŒher vernachlĂ€ssigt: Über Jahrhunderte diente die Landwirtschaft wie erwĂ€hnt lediglich als weiteres „Standbein“ fĂŒr den Lebensunterhaltcite-ref-anf-nge-8-1[8] und Bauern und JĂ€ger lebten ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume nebeneinandercite-ref-diezemann-6-2[6]. Die Lebensweise der Wildbeuter verschwand nicht plötzlich, sondern Bauern und JĂ€ger und Sammler konnten selbst in großer rĂ€umlicher NĂ€he viele Jahrhunderte nebeneinander leben. In der BlĂ€tterhöhle in Nordrhein-Westfalen wurden Skelette von Bauern und Wildbeutern in einer offenbar zeitlich gemeinsam genutzten BegrĂ€bnisstĂ€tte gefunden, wo sie 2.000 (!) Jahre nach Ankunft der Landwirtschaft beerdigt worden waren.cite-ref-10[10]cite-ref-11[11] Als Motiv fĂŒr den Aufbruch neolithischer Gruppen schließt auch Wolfram Schier Bevölkerungswachstum aus, klimatische VerĂ€nderungen hingegen könnten eine Rolle gespielt haben. Als wichtigen Faktor vermutet er menschliche Neugier: Migriert seien Gruppen mit Vorkenntnissen ĂŒber die Gegenden, in die sie einwanderten, sodass es einen „Informationsfluss in beide Richtungen“ gegeben haben mĂŒsse. Möglicherweise seien junge MĂ€nner vorausgegangen und ihre Schilderungen hĂ€tten dann andere Migranten nachgezogen.cite-ref-diezemann-6-3[6]

Routen der Neolithisierung

Die Ausbreitung innerhalb Europas erfolgte nach derzeitigem Wissensstand in raschen SchĂŒben, die von jahrhundertelangen Pausen unterbrochen wurden. Die erste Welle von Anatolien ĂŒber die Balkanroute bis etwa zum Plattensee verlief sehr schnell.cite-ref-diezemann-6-4[6] Danach kam es zu einer deutlichen Verlangsamung zwischen 6100 v. Chr. und 4500 v. Chr. In diesem Zeitraum wurde um 5700 v. Chr. die Mitte Deutschlands erreicht und 4500 v. Chr. die OstseekĂŒste. NaturgemĂ€ĂŸ verlangsamte sich die Ausbreitungsgeschwindigkeit nach Norden aufgrund der kĂŒrzeren Wachstumsperioden. Dies spiegelt sich auch in einer nach Norden zunehmenden genetischen Vermischung von Alt-EuropĂ€ern und Migranten wider, die fĂŒr eine grĂ¶ĂŸere Bedeutung von Jagd und Sammelwirtschaft bzw. eine verstĂ€rkte Zusammenarbeit spricht.cite-ref-ao-1-1[1]cite-ref-12[12] Auch in Frankreich mischten sich JĂ€ger und Sammler einer genetischen Studie zufolge verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig deutlich mit ankommenden neolithischen Bauern und bildeten eine gemeinsame Population, wĂ€hrend sie das in Mitteleuropa östlich des Rheins nicht taten. Dies deutet auf unterschiedliche Routen und Zeiten von Einwanderungen hin.cite-ref-13[13]cite-ref-14[14]

Folgende Hauptrouten der Migration nach Europa wurden lokalisiert:

‱ Bereits ab etwa 8300 v. Chr. aus der Levante nach Zypern
‱ Ab 7300 v. Chr. ĂŒber Anatolien nach Griechenland und Bulgarien, um von dort ĂŒber den gesamten Balkan die Donau hinauf nach Deutschland und weiter bis nach Skandinavien (4300–4000 v. Chr.)cite-ref-ao-1-2[1]
‱ Die Balkanroute verzweigte sich zuerst um 6350 v. Chr. in Serbien Richtung Nordosten ĂŒber die Ukraine (6300–6000v. Chr.) bis zum Finnischen Meerbusen (3400 v. Chr.)cite-ref-ao-1-3[1]
‱ Ein weiterer Abzweig entstand von der Mitte Deutschlands 5700 v. Chr. in Richtung Westen und dann auf die Britischen Inseln (4600–4300 v. Chr.)cite-ref-ao-1-4[1]
‱ Ebenfalls ĂŒber Griechenland (7100 v. Chr.) fĂŒhrte die Mittelmeerroute ĂŒber Italien und SĂŒdfrankreich (6500–6200 v. Chr.) bis auf die Iberische Halbinsel (6000–5800 v. Chr.)cite-ref-ao-1-5[1]
‱ Die Ausbreitung aus der Levante erfolgte zudem ĂŒber den Sinai nach Ägypten und Nordafrika
‱ Weitere Routen fĂŒhrten nach SĂŒdarabien, in den Iran, nach Afghanistan und von dort weiter nach Osten.

Merkmale der Neolithisierung und neuere genetische Erkenntnisse

Kennzeichen des Neolithikums ist eine verstĂ€rkte Sesshaftwerdung, die Vorratshaltung mit dem Gebrauch von Keramik sowie die Bildung dauerhafter politischer Organisationen (die vorher nur saisonal existierten), die Errichtung oder WeiterfĂŒhrung erster steinerner Bauwerke (Megalith-Anlagen: GroßsteingrĂ€ber und Ritualanlagen wie das anfangs mesolithische Göbekli Tepe oder Stonehenge sowie erster Großsiedlungen wie ÇatalhöyĂŒk), der Anbau geeigneter Pflanzen und die Nutztierhaltung. Auch die seit Jahrhunderttausenden beherrschte Technik der Herstellung von Steinwerkzeugen erreichte wĂ€hrend des Neolithikums einen neuen Höhepunkt. Alle genannten Merkmale mĂŒssen nicht gleichzeitig entstanden sein, bedingten sich jedoch im Zeitverlauf gegenseitig.

Im Wesentlichen wurde Europa auf zwei Routen neolithisiert: die Donau aufwĂ€rts und ĂŒber das westliche Mittelmeer. FĂŒr Mitteleuropa gilt schon lange die Kolonisation durch einwandernde Bandkeramiker als gesichert. Bandkeramik ist von der Ukraine bis ins Pariser Becken verbreitet, vor allem fruchtbare Lössböden wurden von dieser Agrarkultur besiedelt. In einem ersten Schritt breitet sie sich etwa 5600 bis 5400 v. Chr. von Westungarn bis ins Rhein-Main-Gebiet aus, in einem zweiten bis ins Pariser Becken, aber auch weit nach Osten.

Linearbandkeramische Kultur

Die Linearbandkeramische Kultur, auch Linienbandkeramische Kultur oder Bandkeramische Kultur ist die Ă€lteste bĂ€uerliche mitteleuropĂ€ische Kultur der Jungsteinzeit mit permanenten Siedlungen und fĂ€llt in das FrĂŒhneolithikum. Eine Forschungsgruppe um Barbara Bramanti an der Johannes Gutenberg-UniversitĂ€t untersuchte alte DNA aus bandkeramischen Skeletten. Die Befunde legen nah, dass die TrĂ€ger der Bandkeramik vor ungefĂ€hr 7500 Jahren aus dem Karpatenbecken nach Mitteleuropa einwanderten.cite-ref-15[15] Weitere Forschung wies eine genetische Verwandtschaft der Bandkeramiker zu nahöstlichen Populationen nach und nutzte die Analyse genetischer VerĂ€nderung um eine wahrscheinliche Route von Anatolien ĂŒber den Balkan nach Zentraleuropa zu identifizieren.cite-ref-16[16] „Das Gesamtverbreitungsgebiet der Linearbandkeramik reicht vom Pariser Becken, den Niederlanden und Belgien im Westen bis nach RumĂ€nien und die Ukraine im Osten“.cite-ref-17[17]

Die Bandkeramiker betrieben sowohl Feldbau als auch Viehwirtschaft. Haustiere waren Rinder, Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine, nicht aber das Pferd. Sie drangen in eine urtĂŒmliche Waldlandschaft vor, in die sie auf Schwarzerde-Böden Rodungsinseln schlugen und dort Äcker anlegten.cite-ref-18[18]cite-ref-19[19] Sie wohnten in LanghĂ€usern, denen auch eine Nutzung als Scheunen zugeschrieben wird, obgleich auch eine Getreidelagerung in Gruben nachgewiesen wurde. Wahrscheinlicher als eine Nutzung als Stall ist eine ganzjĂ€hrige Freilandhaltung der Tiere. Wie viele Menschen einem Haus wohnten, ist unklar, und verbunden mit der Frage, ob sie im gesamten GebĂ€ude oder – wie angenommen wird – im Mittelteil wohnten. Orientiert man sich hingegen an LanghĂ€usern bekannter und dokumentierter Kulturen, etwa an denen nordamerikanischer Irokesen, können auch Bewohnerzahlen von mehr als 100 Personen pro Haus möglich gewesen sein. In diesem Fall hĂ€tten vermutlich ganze Sippen dort gemeinsam gewohnt.cite-ref-20[20]

WĂ€hrend Autoren wie Jens LĂŒning bis vor kurzem noch davon ausgingen, dass die Bandkeramiker in großem Umfang sich mit mesolithischen Wildbeutern mischten und ihre bĂ€uerliche Kultur „missionarisch“ verbreitetencite-ref-0-21-0[21], wird dies mittlerweile nach genetischen Analysen anders bewertet. LĂŒning geht in Umkehrung seiner frĂŒheren Position zwar weiterhin davon aus, dass von Wildbeuter-Kulturen Techniken wie die Herstellung bestimmter Feuerstein-Werkzeuge ĂŒbernommen wurden und die Bandkeramiker durchaus „weltoffen“ Ideen und GĂŒter ĂŒber weite RĂ€ume austauschten. Sollten die Ergebnisse palĂ€ogenetischer Untersuchungen – an denen er nicht beteiligt war – aber korrekt sein, war das offenbar „nach dem genetischen Befund mit einem strengen «Apartheidsdenken» gegenĂŒber den «eigenen» JĂ€gern und Sammlern in ihrer Umgebung“ verbunden.cite-ref-22[22]

Gewaltgeschehen – kriegerische Gewalt und Opferungen

Mit der landwirtschaftlichen Erschließung geeigneter FlĂ€chen wuchs die Bevölkerung und es traten VerteilungskĂ€mpfe auf, kriegerische Auseinandersetzungen wurden ĂŒblich. Die neolithischen Bauern gingen dazu ĂŒber, umschlossene Wallanlagen zu bauen. ArchĂ€ologisch lassen sich Tötungen ganzer Gruppen oder Familien nachweisen (Massaker von Talheim). Dabei kĂ€mpften Bauern gegen Bauern. JĂ€ger und Sammler bestanden vermutlich aus zu kleinen Gruppen und waren territorial zu ungebunden, um sich auf verlustreiche KĂ€mpfe einzulassen. Es ist allerdings denkbar, dass die Bauern sich gegen sie als RĂ€uber absicherten.cite-ref-23[23] Funde zeigen einen Fortschritt in der Waffentechnik: KĂ€mpfte man am Anfang des europĂ€ischen Neolithikums noch mit Alltagswerkzeugen wie Beilen und Dechseln, die man als Behelfswaffen verwendete, hatten KĂ€mpfer des SpĂ€tneolithikums „aufwendig gearbeitete StreitĂ€xte, Dolche, sowie den Reflexbogen mit den verschiedensten Pfeiltypen.“cite-ref-24[24]

Das Gewaltgeschehen wirft allerdings auch ungelöste Fragen auf. In der bandkeramischen Grabenanlage von Herxheim wurden die Überreste Hunderter Menschen entdeckt. ZunĂ€chst nahm man an, es handle sich um Opfer von KĂ€mpfen, doch diese Deutung wurde spĂ€ter verworfen. Untersuchungen zeigten, dass die Leichen – darunter zahlreich junge Erwachsene – sorgfĂ€ltig behandelt worden waren, ihr Fleisch war ihren Knochen abgezogen, die Knochen anschließend zerschlagen und teilweise geordnet worden. Durch Schnitte von Fleisch befreite und durch SchlĂ€ge in Form gebrachte Kalotten waren in Nestern beerdigt worden. Kostbare Keramik, die aus verschiedenen Gegenden stammte, war gleichfalls zerschlagen worden. Einzelne Keramikfunde ließen sich stilistisch dem 400 km entfernten Böhmen zuordnen. Die anfĂ€ngliche Vermutung einer erneuten Bestattung ausgegrabener Leichen wird eher abgelehnt; Kannibalismus hingegen wird diskutiert, ist aber unbewiesen. Strontium-Analysen der BackenzĂ€hne ergaben, dass die Toten nicht aus der Umgebung stammten, sondern aus entfernteren Mittelgebirgslandschaften. Sie mĂŒssen als Lebende nach Herxheim geschafft worden sein. Es handelte sich bei ihnen, wie Genanalysen ergaben, aber nicht um Wildbeuter, sondern ebenfalls um Bandkeramiker. Das wirft weitere Fragen auf, zumal bisher davon ausgegangen wurde, dass Bandkeramiker nicht in Mittelgebirgen, sondern in Ebenen mit fruchtbaren LĂ¶ĂŸböden siedelten. Die Beerdigungen fanden ĂŒber einen Zeitraum von etwa 50 Jahren statt.cite-ref-25[25]cite-ref-26[26] Andrea Zeeb-Lanz vermutet, dass in Herxheim umfangreiche Rituale stattfanden, bei denen Menschen getötet, bearbeitet und begraben wurden – vermutlich begleitet von Festmahlen. Sie zweifelt an der These, dass die Bandkeramiker durch Kriege zugrunde gingen. Stattdessen hĂ€lt sie ein religiöses Geschehen fĂŒr wahrscheinlich, das Ausdruck einer tiefgreifenden Krise in der Kultur der Bandkeramiker war und auf die mit Ritualen, einschließlich ritueller Tötungen, reagiert wurde. Die Tötungen in Herxheim, bei denen Opfer aus verschiedenen Gegenden dorthin gebracht wurden, weisen auf eine gemeinsame Vorstellungswelt regional getrennter Gruppen hin. Diese folgten offenbar ĂŒberregional abgestimmten religiösen Regeln.cite-ref-27[27]

Mittelneolithische Kulturen

Ob Kriege die Ursache waren oder nicht, ca. 5.000 v. Chr. brachen die bandkeramischen Siedlungen – mit deutlichen Hinweisen auf Gewalttaten – zusammen. Die vom SĂŒdwesten Deutschlands ausgehende Hinkelstein-Gruppe fĂŒhrte die Landwirtschaft fort, begrub ihre Toten allerdings mit reichhaltigeren Grabbeigaben und in EinzelgrĂ€bern, die auf eine stĂ€rker elitĂ€r geprĂ€gte Kultur hinweisen.cite-ref-28[28] Mit der eng verwandten Großgartacher Gruppe und den Stichbandkeramikern zĂ€hlt sie zu den mittelneolithischen Kulturen.cite-ref-29[29]

Michelsberger Kultur und Trichterbecherkultur

Mit der Michelsberger Kultur tauchen große Befestigungsanlagen auf HĂŒgeln auf, wie etwa auf dem Kapellenberg im Taunus. Siedlungen sind weniger stabil und werden hĂ€ufiger verlegt. Der Ackerbau wurde in kleinerem Umfang betrieben, bei geringerer Siedlungs- und Bevölkerungsdichte fand eine Verschiebung zu einer „agropastorale(n) Wirtschaftsweise mit Rinderherden“ statt. Die Michelsberger Kultur bringt jedoch die Landwirtschaft in den Norden Deutschlands, „Pioniersiedlungen im MĂŒnsterland, im Nordharzvorland und vielleicht gar an der Kieler Förde“ werden gegrĂŒndet.cite-ref-30[30]

Generell lĂ€sst sich eine Verlangsamung der Ausbreitung der Landwirtschaft Richtung Norden feststellen. DafĂŒr waren vermutlich klimatische GrĂŒnde verantwortlich, die Zahl der fĂŒr steinzeitliche Landwirtschaft tauglichen Tage mit ausreichend Sonnenlicht nahm nordwĂ€rts kontinuierlich ab. Dies könnte dazu gefĂŒhrt haben, dass die ankommenden Bauern dort stĂ€rker mit Wildbeutern kooperierten und in Austauschbeziehungen traten, um VersorgungsmĂ€ngel auffangen zu können. Dies wiederum fĂŒhrte zu einer zunehmenden genetischen Vermischung beider Gruppen.cite-ref-31[31]cite-ref-32[32]

Im Raum von Nordsee, Ostsee und SĂŒdskandinavien lebten Bauern neben JĂ€gern und Sammlern; die fĂŒr Landwirtschaft klimatisch schwierigen, aber fĂŒr Wildbeuter und Fischer gĂŒnstigen KĂŒsten- und Waldgebiete verhinderten ihre VerdrĂ€ngung. Das ermöglichte die Herausbildung der Trichterbecherkultur, deren Angehörige in relativ hohem Maße Nachfahren der lokalen Wildbeuter waren. Ihre DNA ist bis heute in Nordeuropa verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig stark vertreten. Sie ĂŒbernahmen Kenntnisse der Bauern, mit denen sie sich vermischten, und entwickelten eigene Techniken, wie die Verwendung des Rades und von Ochsen als Zugtiere fĂŒr PflĂŒge. Dies erst ermöglichte die Urbarmachung weiterer und vorher als ungeeignet angesehener Gebiete fĂŒr die Landwirtschaft durch Rodung, denn nun konnten Wurzeln gefĂ€llter BĂ€ume aus dem Boden gezogen und große Äcker bestellt werden.cite-ref-33[33]

Entstehung bÀuerlicher Gesellschaften durch Einwanderung oder durch Lernprozesse und Integration von Wildbeutern?

Ob sich die ausbreitenden, auf landwirtschaftlicher Arbeit beruhenden Kulturen frĂŒher europĂ€ischer Bauern nach und nach aus denen einheimischer JĂ€ger und Sammler entwickelten (sog. Akkulturation) oder nur oder hauptsĂ€chlich durch einwandernde Kolonisten entstanden, ist archĂ€ologisch nur schwer auszumachen und fand stark das Interesse der PrĂ€historiker.cite-ref-34[34] Das schnelle Vordringen der Bandkeramiker schien nur dadurch zu erklĂ€ren zu sein, dass sie Wildbeuter von den VorzĂŒgen ihrer neuartigen Lebensweise zu ĂŒberzeugen vermochten und sie in ihre Kultur aufnahmen, Jens LĂŒning ging beispielsweise davon aus, dass die Bandkeramiker „mit geradezu missionarischem Eifer“ vorgegangen sein mĂŒssten und „ganze mesolithische StĂ€mme“ ĂŒberzeugen konnten, sich ihnen anzuschließen. Nur „Belehrung und Schulung“ durch in Wildbeuterpopulationen eingebettete Bauern könnten das Ausbreiten der Kenntnisse voraussetzenden Landwirtschaft zufriedenstellend erklĂ€ren.cite-ref-0-21-1[21] Marek Zvelebil etwa entwickelte sieben unterschiedliche Modelle, die von einer klaren VerdrĂ€ngung einheimischer JĂ€ger und Sammler durch Zuwanderer bis hin zur kulturellen Anpassung der ursprĂŒnglichen Bevölkerung reichen, um die zwischen Einwanderung und Akkulturation liegenden Möglichkeiten zu umschreiben.cite-ref-35[35] Diese Frage fand auch das Interesse der aufkommenden PalĂ€ogenetik, die Methoden entwickelte und verwendet, die VerwandtschaftsverhĂ€ltnisse vorgefundener fossiler Skelettfunde aufschlĂŒsseln können.

Neuere genetische Erkenntnisse – Einwanderung statt Integration

Untersuchungen an genetischem Material neolithischer Herkunft durch Martin Richards ergaben 2003, dass nach Richards ein reines Diffusionsmodell ausgeschlossen werden konnte, ebenso wie das Modell eines vollstĂ€ndigen Bevölkerungsaustausches durch Einwanderer oder die Vorstellung einer eigenstĂ€ndigen Entwicklung aus lokalen Populationen. Unwahrscheinlich erschien ihm auch ein Modell, das auf der kulturellen Dominanz einer neuen Herrschaftselite beruht hĂ€tte. Die genetischen Marker ließen ihn allerdings vermuten, dass gezielte Migration kleinerer Gruppen in fĂŒr Ackerbau besonders gĂŒnstige Gegenden in SĂŒdost- und Zentraleuropa mit folgender Akkulturation seine Ergebnisse erklĂ€ren könnten. Gemischte Modelle, die auf einer Verbindung von Migration und der Diffusion von Kenntnissen hin zu Angehörigen von Ă€lteren Populationen von JĂ€gern und Sammlern beruhen, blieben fĂŒr ihn als mögliche ErklĂ€rung ĂŒbrig.cite-ref-36[36]

Barbara Bramanti entdeckte 2009 nach Untersuchungen mitochondrialer DNA von Skeletten von neolithischen Bauern und von JĂ€gern und Sammlern jedoch keine Hinweise darauf, dass beide Gruppen eng miteinander oder mit modernen EuropĂ€ern verwandt waren. Vielmehr seien die Unterschiede betrĂ€chtlich, 82 % der JĂ€ger und Sammler hĂ€tten DNA-Typen besessen, die im heutigen Europa kaum vorkĂ€men. Die neolithischen Bauern seien die Nachfahren von Einwanderern gewesen, nicht von Wildbeuterncite-ref-37[37]. Diese Erkenntnis wurde aus den Reihen der archĂ€ologisch arbeitenden PrĂ€historiker als „geradezu historisches Ergebnis“ bewertetcite-ref-38[38]. TatsĂ€chlich haben die Linearbandkeramiker wohl nur gering zum Erbgut heutiger MitteleuropĂ€er beigetragen (→Populationsgenetik und Anthropologie der Linearbandkeramischen Kultur). Ein unerwartetes Ergebnis von Bramantis Untersuchung war nĂ€mlich, dass heutige EuropĂ€er nicht nur Nachfahren von neolithischen Einwanderern oder auch von den ursprĂŒnglichen Wildbeuter-Populationen sind, sondern auch von einer dritten, bis dato unbekannten Gruppe abstammen mĂŒssen.cite-ref-39[39]

Die Einwanderung von Steppennomaden und die daraus folgende Kultur der Schnurkeramiker

FĂŒr diese Gruppe kamen Angehörige einer Steppenkultur infrage, die bereits vor Jahrzehnten von Marija Gimbutas als Ursprung einer Einwanderung nach Europa vorgeschlagen worden war, ohne sie oder ihr Ausmaß allerdings beweisen zu können.

Johannes Krause geht nach einer im Jahre 2015 erfolgten Auswertung von 69 Skeletten, die in der Region von mittlerer Elbe und Saale gefunden worden waren, davon aus, dass tatsĂ€chlich Angehörige einer Hirtenpopulation – die sogenannte Jamnaja-Kultur – aus dem SĂŒden Russlands mit Rinderherden und Pferden in jene Gebiete Europas vordrang, die zuvor von den neolithischen Bauern besiedelt worden warencite-ref-40[40]. Er vermutet, dass diese Gebiete bei ihrem Eintreffen weitgehend menschenleer gewesen sein mĂŒssen, denn Skelettfunde seien erstaunlicherweise rar und wiesen nicht auf umfangreiche Auseinandersetzungen hin, wie eine ĂŒberwiegend kriegerische Landnahme sie hĂ€tte erwarten lassencite-ref-41[41]. Krause nimmt an, dass eine frĂŒhe, steinzeitliche Form der Pest zum Massensterben der neolithischen Bauern gefĂŒhrt hat, in diese LĂŒcke stießen dann Angehörige der Steppennomaden vor. Die Pest – oder auch eine andere, unbekannte Krankheit – könnte den Einwanderern durch HĂ€ndler vorausgegangen sein, oder mit der Einwanderungswelle selbst gekommen sein, genetische Spuren des Pesterregers hĂ€tten sich in Skeletten in der Herkunftsregion der Steppennomaden gefunden. FĂŒr die Neolithiker Europas könnte der Erreger der Pest völlig neu und ungewohnt gewesen sein, eine Übertragung von Mensch zu Mensch könnte die schnelle Entvölkerung zuvor bewohnter Siedlungen erklĂ€ren. Auch andere Ursachen wie klimatische VerĂ€nderungen oder Missernten und folgende kriegerische Auseinandersetzungen können ihm zufolge fĂŒr den Zusammenbruch neolithischer Gesellschaften der Jungsteinzeit verantwortlich sein, eine klare Ursache ist nicht beweisbar. Er hĂ€lt das Szenario eines krankheitsbedingten Massensterbens dennoch fĂŒr plausibel, der Mangel an Grabfunden aus der Zeit könnte damit zusammen hĂ€ngen, dass Opfer nicht mehr begraben werden konnten und an der ErdoberflĂ€che verrottetencite-ref-42[42].

Auffallend ist, dass offenbar nur wenige Frauen mit den Steppennomaden kamen, genetisch nachweisbar sei, dass einwandernde MĂ€nner sich stattdessen mit bereits ansĂ€ssigen Frauen aus den vorherigen Populationen vermischt hĂ€ttencite-ref-43[43]. Die genetische Auswertung von Funden macht deutlich, dass die Migration der anatolischen Neolithiker, die zu den ersten Bauern Europas wurden, sich hierin von der spĂ€teren Migration stark unterschied. WĂ€hrend die einwandernden Bauern aus ganzen Familien bestanden, es also kein GefĂ€lle in der Verteilung von Frauen und MĂ€nnern gegeben hatte, galt dies nicht fĂŒr die Einwanderer aus der Steppe. Bei ihnen wurde ein drastisches Übergewicht von MĂ€nnern festgestellt (fĂŒnf bis vierzehn MĂ€nner auf eine Frau).cite-ref-44[44] Kristian Kristiansen hĂ€lt hauptsĂ€chlich aus jungen MĂ€nnern bestehende Kriegerbanden fĂŒr die TrĂ€ger der Einwanderung, die sich dann per Frauenraub exogam fortgepflanzt hĂ€tten und Dörfer grĂŒndetencite-ref-45[45]. Kulturell wandelten sich die Nomaden und ĂŒbernahmen die vorwiegend sesshafte landwirtschaftliche Lebensweise ihrer VorgĂ€nger, deren MĂ€nner sie genetisch ĂŒberwiegend verdrĂ€ngt hatten. Allerdings hielten sie in weitaus grĂ¶ĂŸerem Umfang Rinder: Milchwirtschaft wurde ein wichtiger Bestandteil der Nahrungsproduktioncite-ref-46[46].

Die Kultur der Schnurkeramiker geht auf die einwandernden Nomaden zurĂŒck, die sich an eine neue Umgebung und Lebensweise anpassten. Die in ihren GrĂ€bern gefundenen StreitĂ€xte deuten darauf hin, dass sie kriegerisch auftraten.cite-ref-47[47] Knochenanalysen ergaben fĂŒr ihre Frauen in der ersten Generation, dass sie in ihrer Kindheit eine andere ErnĂ€hrung als ihre MĂ€nner genossen hatten, also vermutlich aus neolithischen Dörfern stammten. FĂŒr die Gesamtkultur der Schnurkeramiker ließ sich feststellen, dass ihre ErnĂ€hrung stĂ€rker auf tierischem Protein und Milch beruhte, als dies bei den ersten neolithischen Bauern der Fall gewesen war, die Schnurkeramiker gestalteten – wo möglich – die Landschaft zugunsten ihrer Herden um. Anscheinend nutzten sie dafĂŒr Feuer, um WĂ€lder niederzubrennen. WĂ€hrend in ihren Ă€ltesten FundstĂ€tten keine Keramik zu finden ist, kam diese spĂ€ter hinzu. Vermutet wird, dass die entsprechenden Kenntnisse zur Herstellung von Tonwaren mit den Frauen aus den neolithischen Dörfern in die schnurkeramische Kultur kamen. Die schnurkeramische Kultur verband insofern Fertigkeiten der Nomaden mit denjenigen der neolithischen Bauern. Sprachlich wird die Kultur der Schnurkeramiker mit dem Aufkommen indoeuropĂ€ischer Sprachen in Verbindung gesetzt, Bezeichnungen fĂŒr landwirtschaftliche VorgĂ€nge kamen anscheinend aus Ă€lteren, neolithischen Gruppen und wurden ĂŒbernommen, was als Hinweis fĂŒr eine kulturelle Integration unterschiedlicher Lebensweisen gewertet wird. UrsprĂŒnglich nichtbĂ€uerliche Gemeinschaften ĂŒbernahmen die AusdrĂŒcke ihrer VorgĂ€nger auf jenem Gebiet, auf dem ihre eigenen Vorkenntnisse geringer waren. BegrĂ€bnissitten verdeutlichen, dass die Schnurkeramiker in FamiliengrĂ€bern beigesetzt wurden, – anders als ihre neolithischen VorgĂ€nger, die offenbar in grĂ¶ĂŸeren Gemeinschaften wie Clans gelebt und ihr VerstĂ€ndnis von Besitz und Eigentum kollektiv ausgerichtet hatten.cite-ref-48[48] Die Angehörigen der Trichterbecherkultur sprachen vermutlich keine indoeuropĂ€ische Sprache, sondern mit dem Eintreffen der Steppennomaden gingen agrarische Bezeichnungen aus ihrer Sprache in die der vormaligen Nomaden ĂŒbercite-ref-49[49].

Am geringsten ist der genetische Anteil der Steppenpopulationen in SĂŒdeuropa, insbesondere in Spanien haben sich hinter der PyrenĂ€engrenze Ă€ltere genetische Muster gehalten, Völker wie Sarden oder Basken weisen unter EuropĂ€ern am wenigsten die Gene dieser Einwanderer aufcite-ref-50[50]. Sardinien ist „einzigartig“, da sich dort eine Population neolithischer Einwanderer aus Anatolien genetisch fast unverĂ€ndert gehalten hatcite-ref-51[51]. Generell lĂ€sst sich eine grobe Unterscheidung treffen: in SĂŒdeuropa (SĂŒdfrankreich, Spanien, Italien und auf dem sĂŒdlichen Balkan) ĂŒberwiegen die Gene der neolithischen Ackerbauern, nach Norden jedoch die der Steppennomaden.cite-ref-52[52] Dennoch war auch Spanien von der Einwanderungswelle umfasst und eine Studie unter Inigo Olalde und David Reich kam zum Ergebnis, dass 40 % der örtlichen Gene auf Einwanderer mit steppennomadischen Vorfahren zurĂŒckgehen (im SĂŒden des Landes war der Einfluss am geringsten). Auffallend eindeutig jedoch ist die Geschlechtsverteilung: Die mĂ€nnlichen Y-Chromosomen der vorgefundenen neolithischen Bauern wurden so gut wie vollstĂ€ndig ersetzt, was bedeutet, dass Frauen aus ihren Gruppen fortan ausschließlich (!) mit den einwandernden MĂ€nnern Kinder hatten. David Reich hĂ€lt es fĂŒr ausgeschlossen, dass das friedlich abgelaufen sein kann.cite-ref-53[53]cite-ref-54[54]cite-ref-55[55]

Seit 5900/5800 v. Chr., wurden die KĂŒsten des westlichen Mittelmeers von Bauern besiedelt. Von hier aus erreichten bestimmte Kulturpflanzen und -merkmale auch die Gebiete nördlich der Alpen.

In der nordeuropÀischen Tiefebene, in Skandinavien und auf den Britischen Inseln begann sich die Neolithisierung erst nach 4500 v. Chr. durchzusetzen; ihr Höhepunkt um 1300 v. Chr. wurde mit der letzten und beeindruckendsten der ungefÀhr sieben Bauversionen des Megalithmonuments von Stonehenge erreicht (wahrscheinlich durch Gruppen, die Viehhaltung, Jagd- und Sammelwirtschaft betrieben). Unter UmstÀnden entwickelte diese Kultur wÀhrend dieser Zeit eigenstÀndig die Herstellung von Bronze (s. die naheliegende Zinnmine Cornwalls), trug insofern also ggf. selbst zum Ausklang des Neolithikums in Europa bei.

Die einwandernden TrĂ€ger der Gene der Jamnaja-Kultur ersetzten die Erbauer von Stonehenge, nutzten die Bauten aber weiterhin. Ihr Anteil an der britischen Bevölkerung ist sogar besonders stark: wĂ€hrend in Deutschland etwa 70 % der „genetischen Struktur“ durch Steppengene verĂ€ndert wurden, waren es auf den britischen Inseln ĂŒber 90 %.cite-ref-56[56]

Glockenbecherkultur – Genetisch diverse Populationen

WĂ€hrend bei den Schnurkeramikern die Kultur eng mit identifizierbaren Genen der einwandernden Steppennomaden und damit mit untereinander verwandten Populationen verbunden ist, gilt dies fĂŒr die Glockenbecherkultur erstaunlicherweise nicht: Diese breitete sich sowohl auf den von Steppengenen geprĂ€gten britischen Inseln aus (bzw. war dort – aber nicht unbedingt anderswo – der TrĂ€ger der Einwanderung von Steppengenencite-ref-57[57]), wie auch im von den Ă€lteren, anatolischen Neolithikern besiedelten und von den Steppengenen weniger berĂŒhrten Spanien,- ein Hinweis, dass Kultur nicht allein innerhalb von Populationen verbreitet wurde, sondern auch durch Lernprozesse zwischen Populationen.cite-ref-58[58] Angehörige der Glockenbecherkultur waren insofern miteinander nicht unbedingt eng genetisch verwandt, sondern es gab betrĂ€chtliche regionale Unterschiede.cite-ref-59[59] FĂŒr die ErklĂ€rung der Ausbreitung der Glockenbecherkultur mĂŒssen also Migration und die Wanderung von Ideen gleichermaßen herangezogen werden.cite-ref-60[60]cite-ref-61[61]

FrĂŒher Ackerbau im Alpenvorland?

Wie frĂŒhe Ackerbauspuren im Schweizer Mittelland zu bewerten sind, die bereits auf ca. 6900 v. Chr. datiert werden, ist fĂŒr nicht wenige ArchĂ€ologen rĂ€tselhaft, da die sicher fassbaren neolithischen Kulturen damals noch auf den Orient und das östliche Mittelmeer beschrĂ€nkt waren. Verschiedene botanische und pollenanalytische Untersuchungen zeigen, dass die Menschen im nördlichen Alpenvorland schon vor der Bandkeramik WĂ€lder rodeten und Pflanzen anbauten. Das bedeutet, dass bereits ca. 1500 Jahre vor der Durchsetzung des Ackerbaus in Mitteleuropa, aber auch 1000 Jahre vor dem Beginn der sĂŒdfranzösischen Cardial- oder Impressokultur, zumindest Grundprinzipien des Pflanzenanbaus in Mitteleuropa bekannt waren. Wie und auf welchen Wegen diese Kenntnisse und Pflanzensamen vom Nahen Osten in das Gebiet nördlich der Alpen gelangten, ist unbekannt.cite-ref-62[62]

Neolithische Besiedlung Nordafrikas von Europa aus

ArchĂ€ologische Belege deuten darauf, dass der Übergang vom Jagen und Sammeln zur Landwirtschaft im Nordwesten Afrikas vor etwa 7.400 Jahren stattfand. Die Landwirtschaft wurde durch neolithische Einwanderer aus Europa (Spanien) eingefĂŒhrt. Als Forscher Genome menschlicher Überreste, die in Marokko und im Nordwesten Afrikas geborgen wurden, analysierten, stellten sie fest, dass die lokale JĂ€ger- und Sammlerpopulation seit mindestens 8.000 Jahren isoliert war. Die Forscher entdeckten eine genetische Abstammung im Zusammenhang mit europĂ€ischen Bauern, die auf etwa 5500 v. Chr. datiert wird. Die beiden Gruppen lebten mindestens ein Jahrtausend Seite an Seite. 4300 v. Chr. kamen dann Nomaden aus der Levante in die Region.cite-ref-63[63]

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Weblinks

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‱ - Genetic Study Suggests Migrants Brought Farming to North Africa

Einzelnachweise

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